Mit PD auf Reisen

Andreas Rudolph

Andreas Rudolph im Porträt

Der 68jährige Andreas Rudolph macht jetzt im zwölften Jahr PD und verbringt gerade einen unbeschwerten Urlaub an der Ostsee.

„Wonderful tonight“ ist eines der bekanntesten Lieder des großen Eric Clapton. Von außen betrachtet könnte es sinnbildlich auch für die Situation von Andreas Rudolph und seiner Frau Sabine stehen, auch wenn es auf den ersten Blick nicht nach wundervollen Nächten aussieht. Denn Andreas Rudolph hat eine Nierenkrankheit – ist seit über elf Jahren auf Dialyse angewiesen. Dabei hat sich der ehemalige Inhaber einer Gärtnerei nicht, wie die meisten Leidensgenossen, einer regelmäßigen Blutwäsche beim Arzt unterzogen.

Andreas entschied sich für die Peritonealdialyse (PD). Nur jeder 20. Betroffene wählt diese Variante, bei der der Patient sich selbst entweder über Nacht dialysiert oder sich mehrmals täglich einen Einmalbeutel mit einer Lösung über einen Katheter zuführen muss, was viele Leidensgenossen abschreckt. Einer der Vorteile ist dagegen die Wahrung einer gewissen Flexibilität. Eine Freiheit, die das Ehepaar Rudolph gerne einer Leidenschaft widmet – dem Reisen und dem Besuch von Konzerten wie dem von Eric Clapton im Juli in Hamburg.

Die Dialyse kam NICHT VON HEUTE AUF MORGEN

Es hatte sich bereits früh angekündigt. Bei der Musterung der Nationalen Volksarmee der ehemaligen DDR wurde Andreas Gesundheitszustand überprüft. Eine Routineangelegenheit mit unangenehmem Ausgang: Ein hoher Blutdruck sollte im Krankenhaus kontrolliert werden. Dort stellten die Ärzte fest, dass mit Andreas’ Nieren etwas nicht stimmt. Das war vor einem halben Jahrhundert. Damals waren die Folgen dieser Diagnose noch nicht präsent. Nach einer Entfernung der Mandeln normalisierten sich die Werte vorerst. Die Betreuung durch die Ärzte war damals schon gut, findet Andreas’ Frau Sabine. Sie war Kinderärztin und konnte durch ihr Fachwissen mit einem Blick in die Krankenakten immer den aktuellen Stand der Betreuung nachvollziehen, wie sie heute mit einem verschmitzten Grinsen erzählt. Es war sicherlich auch ihr beruflicher Hintergrund, der sie veranlasste, Andreas Rudolph um seinen fünfzigsten Geburtstag herum zum Urologen zu schicken. Die Diagnose durch die NVA-Ärzte lag zu dem Zeitpunkt bereits drei Jahrzehnte zurück. Drei Jahrzehnte, in denen die Nieren keinen weiteren Ärger machte. Doch sollte es damit nun vorbei sein. Schon zwei weitere Jahre später stellte der nun behandelnde Arzt eine Verschlechterung der Werte fest. Seitdem wird Andreas fest in einer nephrologischen Praxis betreut, erstmal allerdings noch ohne Dialyse. Als die dann kurz nach der Fußball-WM in Deutschland nicht mehr zu umgehen war, entschied sich Andreas Rudolph für die PD.

AUF DEN ERSTEN BLICK EIN SCHOCK

Eine gute Entscheidung, findet auch seine Frau Sabine: „Bei der Hämodialyse (HD) verbringt man den halben Tag im Dialysezentrum zur Blutwäsche und ist danach völlig fertig. Der Tag ist dann gelaufen – und das dreimal die Woche.“ Eine denkbar schlechte Lösung, wenn man wie die Rudolphs gerne Städtereisen in Deutschland unternimmt, Konzerte besucht und sich einfach möglichst wenig einschränken möchte. Doch bringt auch die PD Nachteile mit sich. Das musste Andreas Rudolph schon vor der eigentlichen Entscheidung leidvoll erfahren. Dann nämlich, als die behandelnde Ärztin ein vorbereitendes Patientengespräch organisierte. Eine PD-Patientin sollte den Rudolphs von ihren Erfahrungen berichten. Im Wartezimmer der Praxis entpuppte sich diese als Bekannte aus dem Nachbarort, die Andreas Rudolph in der Folge recht unbefangen und offen die Vor- und Nachteile der Bauchfelldialyse verdeutlichte. Allein der in den Bauch eingelassene Katheter war anfangs ein Schock für den heutigen Rentner. Seine erste Reaktion beschreibt seine Frau heute mit den Worten „wie von der Tarantel gestochen“. Andreas habe sich aber schnell damit abgefunden. Die Vorteile überwogen einfach.

Reisen in entfernte Länder, wie sie das Ehepaar früher genoss, stehen heute nicht mehr auf dem Plan obwohl dies jederzeit nach entsprechender Vorplanung möglich ist.
Natürlich können auch HD-Patienten die Welt sehen. Aufwand und Kosten – es muss ein geeignetes Blutwäschezentrum vor Ort gefunden werden – sind häufig ungleich höher und an vielen Orten auch nicht möglich.

Die PD ist in Deutschland bislang kaum verbreitet, ganz anders als in unseren Nachbarländern. So kommt ein Beispiel für die Freiheit, die eine PD verschaffen kann, aus Frankreich. Jean Louis Clémendot beschreibt seine Gefühlswelt zum Zeitpunkt der Diagnose Nierenkrankheit mit den Worten: „Ich war so gut wie tot.“ Nur sechs Monate später schaffte der 59 Jahre alte Abenteurer das Unglaubliche: Ganz alleine segelte er von den Kanaren in die Karibik. Eine Leistung, die auch die meisten gesunden Menschen nicht zu meistern wagen. Natürlich muss die Eigenbehandlung auf so einem Trip besonders sorgfältig erfolgen. Es besteht, wie bei allen Dialyseverfahren die Möglichkeit von Komplikationen – wenn man auf hoher See auf sich allein gestellt ist, umso mehr.

Für die Rudolphs ist das alles kein Problem. Die gewonnene Reisefreiheit nutzen sie mittlerweile vor allem in Deutschland, auch wenn sie noch weltweit auf Reisen gehen könnten, wie das Beispiel von Clémendot zeigt. Doch auch hierzulande gibt es für die beiden einiges zu erleben, zum Beispiel die deutsche Küste oder immer wieder auch Konzerte, von ACDC bis Roger Waters – und nun eben Eric Clapton. Ein Selbstläufer ist das freilich nicht. So eine PD ist auf Reisen eine logistische Herausforderung. Einmal im Monat wird das Paar mit einer großen Menge Einzelbeutel beliefert, von denen Andreas Rudolph, wenn er unterwegs ist und die Dialyse mit Handwechsel macht, vier am Tag verbraucht. Spannend wird es vor den Städtetrips. Allein die Technik des Dialysegeräts, dem Cycler, nimmt schon viel Platz im Koffer ein. „Da muss ich mir genau überlegen, was ich an Kleidung mitnehme“, sagt Sabine Rudolph. Wenn die nötigen Einzelbeutel für einen längeren Zeitraum ebenfalls Platz im Gepäck finden müssten, wäre die Wechselgarderobe noch deutlich überschaubarer. Das ist aber nicht nötig. Dafür sorgen die Logistiker des Herstellers. Drei Wochen vor jeder Reise gibt das Ehepaar an, wo es hingeht, wie viele Wechselbeutel benötigt werden und wer Ansprechpartner vor Ort ist. Das Ergebnis war bisher immer eine problemlose Abwicklung. Das Paar reist an, das Material ist schon im Hotel. Weltweit funktioniert das, berichtet Sabine Rudolph. Außerdem habe der erhebliche Anteil an anfallendem Müll bislang nie zu Problemen geführt. Schließlich handle es sich auch nicht um Sonder-, sondern ganz normalen Hausmüll.

Wie lange die Rudolphs diese Freiheiten noch genießen können, ist unklar. Gelegentlich heißt es, dass der Bauch nach zehn Jahren zu vernarbt sei und dann auf HD umgestellt werden müsse. Aber wie das so ist mit Prognosen: Andreas Rudolph ist jetzt im zwölften Jahr mit seiner PD und verbringt gerade einen unbeschwerten Urlaub an der Ostsee. Ohnehin lässt sich das Ehepaar von der Situation nicht unterkriegen. Das merkt man im Gespräch deutlich. Immer wieder wird herzlich gelacht, auch, wenn man Andreas Rudolph fragt, ob er mit dem Dialyse- Katheter dann auch in der Ostsee baden gehe. „Nein“, sagt er dann grinsend. Der Behandlung gibt er dafür allerdings nicht die Schuld: „Das Salzwasser wäre nicht schädlich für mich. Aber Baden in der Ostsee? Das ist mir zu kalt.“

Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin Lebenlang - Ausgabe 13/2018

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