Ich bin dankbar für jeden Augenblick. Ich lebe seit meiner Krebszeit so: Ich mache es jetzt und nicht später.

Bildmaterialien: LEBENLANG - Ausgabe 17 / 2019

Brustkrebs

Das ist für alle Frauen ein Schock. Wenn auf dem Ultraschall Auffälligkeiten im Gewebe festgestellt werden und dort dunkle Stellen zu sehen sind, bestätigt sich, was die meisten Frauen vorab schon gefühlt haben: den Tumor in Brust oder Achselhöhle. Auch bei Angelika (58) war das im Jahr 2010 so der Fall. Nach dem Ultraschall, vielen Untersuchungen und der darauffolgenden Diagnose im Februar desselben Jahres wurde bei ihr direkt im März die OP eingeleitet, um das von Krebs betroffene Gewebe – den Tumor – zu entfernen. Danach folgte die Chemo. Bei Angelika war allerdings nicht nur Brustgewebe betroffen, sondern auch ihre Lymphknoten in der linken Achselhöhle. Bei einer OP wurden ihr deshalb Lymphknoten entfernt. Ende 2013 haben sich die Krebszellen dann weiter großflächig in der linken Brustseite ausgebreitet und ihr Lymphsystem für immer geschädigt. Erst zu diesem Zeitpunkt hatte das Ärzteteam das passende Medikament für sie gefunden, das die Krebszellen stoppte. Dieses Medikament nimmt sie bis heute: alle drei Wochen bekommt sie über ihren Port im Schulterbereich eine Infusion – ihr Leben lang.

„Nach der OP sagte der Arzt zu mir: Sie haben jetzt eine 50/50-Chance. Darauf habe ich erwidert: Na ja, dann nehme ich doch die positiven 50 % und die anderen 50 % behalten Sie!“

Für Angelika stand von Beginn der Therapie fest, dass sie ihr Leben so „normal wie möglich“ weiterleben möchte. Aufgeben und den Kopf hängen lassen kam für sie nicht infrage. Sie ging deshalb die gesamte Zeit ihrer Chemo weiterhin arbeiten, was sicherlich nicht bei jedem möglich ist. Aber da sie nicht körperlich arbeiten musste, ging sie außer am Tag ihrer Chemo täglich vormittags zur Arbeit. Die Selbstständigkeit auch während der Chemotherapie nicht zu verlieren, gab ihr ein gutes Gefühl. Und ihre Familie hat Angelika dabei zu 100 % unterstützt.

„Am Tag trägt Angelika einen dicken Kompressionsstrumpf an ihrem linken Arm, der fast bis zur Schulter geht. Passende Kleidung dafür zu finden, ist oft gar nicht so leicht.“

Doch einen Teil ihrer Selbstständigkeit hat sie durch die Krebserkrankung vermutlich für immer verloren, wie sie selbst irgendwann erkennen musste. Wegen des geschädigten Lymphsystems an ihrem linken Arm kann die Körperflüssigkeit nicht mehr richtig zirkulieren und aus dem Gewebe abtransportiert werden. Das hat zur Folge, dass sich in ihrem Arm Wassereinlagerungen bilden – der Arm gewinnt an Volumen, sodass er zunehmend bewegungsunfähiger wird. Zudem hat der Krebs die Nervenbahnen geschädigt. Einfache Bewegungen wie das Heben oder Greifen fallen ihr deshalb mittlerweile schwer, auch wenn sie es tapfer sieht:

„Durch eine Erkrankung wird man sensibler für den eigenen Körper und man bekommt ein intensiveres Körpergefühl. Man passt mehr auf sich auf und man achtet auf die kleinen Zeichen, die er
einem gibt.“

„Man gewöhnt sich natürlich an die körperliche Veränderung. Aber es frustriert schon, wenn mir die einfachsten Dinge oder Bewegungsabläufe im Alltag schwerfallen, ich mir meine Schuhe nicht mehr selbst zubinden oder meine Ohrstecker nicht anlegen kann. Oder wenn man sich in ein Kleidungsstück verliebt hat, aber es wieder nicht passt. Klar, man möchte taff, stark und selbstbewusst sein. Aber natürlich gibt es immer wieder frustrierende Situationen, die einen auch mal zum Weinen bringen. Und das ist okay.“ Die Krebserkrankung hat Angelika verändert, wie sie selbst erzählt. Nicht nur körperlich, sondern vor allem auch seelisch. Taff und resolut war sie zwar schon immer, aber jetzt sei sie noch ein großes Stück entspannter geworden, irgendwie geerdeter: „Ich rege mich nicht mehr über Kleinigkeiten auf, weil ich weiß, dass das Leben kurz sein kann. Ich gehe bewusster mit meinem Leben um und ich bin dankbar für jeden Augenblick. Ich lebe seit meiner Krebszeit so: Ich mache es jetzt und nicht später.“