Sport ist wichtig – auch und besonders für Dialysepatienten.

Oft fehlt es den Patienten aber an Motivation. Wir haben mit Dr. Stefan Degenhardt gesprochen und nachgefragt, wie er im Nieren- und Diabeteszentrum in Viersen und Nettetal dafür sorgt, dass seine Patienten in Bewegung kommen.

Ein Interview mit Dr. Stefan Degenhardt

Herr Dr. Degenhardt, welche gesundheitlichen Vorteile hat Sport für Dialysepatienten?
Grundsätzlich ist es ja so, dass sich jeder Mensch bewegen muss. Dialysepatienten haben dreimal in der Woche vier bis fünf Stunden, in denen sie sitzen oder liegen, zusätzlich zu der Zeit, die sie zuhause schlafen. Die Zeit an der Dialyse ist inaktive Zeit, die man nutzen kann. Dazu kommt, dass viele Patienten körperlich sehr beeinträchtigt sind und Schwierigkeiten haben zu laufen und irgendwo hinzugehen, wo sie Sport treiben können. Das kann man an der Dialyse wunderbar kompensieren.

Sie schlagen also vor, dass die Patienten während der Dialyse sportlich aktiv sind?
Ja, genau. Wir haben uns das sehr genau angeschaut: Es gibt auch Angebote für Nierenkranke außerhalb der Dialyse, die aber sehr wenig wahrgenommen werden. Wir haben auch hier den Versuch gemacht. Letztlich kamen aber nur 3 Patienten. Wir mussten außerhalb der Dialysezeit an einen anderen Ort fahren. Die Patienten mussten sich dazu aufraffen und das war schwer.

Spüren Patienten, die regelmäßig an einem Sportprogramm teilnehmen, konkrete Fortschritte, z. B. in der Ausübung von Alltagsaktivitäten, oder verbessern sich nur ihre Laborwerte?
Blutwerte interessieren uns gar nicht so sehr. Es gibt zwar Untersuchungen, die zeigen, dass durch Fahrradfahren an der Dialyse z. B. die Phosphatwerte gesenkt werden können. Die Wirksamkeit von Fahrradfahren entspricht bezüglich der Entgiftung etwa dem, was eine zusätzliche halbe Stunde Dialyse bewirken würde. Die Durchblutung ist viel besser und insofern auch die Entgiftung. Im Vordergrund steht aber viel mehr, dass man Muskeln und Herz fordert und wieder in Bewegung kommt. Wir haben Patienten, die konnten früher gar nicht mehr laufen und keiner hat geglaubt, dass sie das wieder schaffen. Durch das Training an der Dialyse gelang es ihnen aber.

Woraus bestehen die Bewegungs- und Sporteinheiten während der Dialyse?
Es gibt spezielle Fahrräder, teure Dinger, die wir gerne einsetzen. Da werden die Füße in Schalen eingelegt und das Gerät bewegt die Beine der Patienten, so dass auch ganz alte, schwache Patienten erst einmal „durchbewegt“ werden. Sie können dann dazu treten und so allmählich Kraft aufbauen.
Eben sprach ich mit einem 93-jährigen Patienten, der ganz stolz erzählte: „Ich bin heute 14 Kilometer auf Stufe 5 geradelt und ich habe 60 Watt geschafft.“ Wir machen auch Krafttraining, also Training mit Hanteln, Fitnessbändern oder Hand Grips (Handtrainern, Anm. der Redaktion). Da gibt es viele Möglichkeiten. Dabei sehen wir zu, dass alle großen Muskelgruppen angesprochen werden.

Wer kann aus Ihrer Sicht an einem Bewegungsprogramm teilnehmen und muss man für Ihr Sportprogramm sportlich sein?
Nein. Wir haben eine ganze Reihe von Patienten, die haben noch nie etwas mit Sport zu tun gehabt. Die entdecken das hier und können unter ärztlicher Überwachung Sport treiben. Es sind gerade die Kranken und Alten, die besonders profitieren. Unsere ältesten Patienten sind oft die treusten, was
das Training angeht, während wir von den Jungen schon mal hören: „Ich mach sowieso so viel. Ich bin müde, ich will schlafen.“

Wie werden die Patienten während ihrer sportlichen Aktivitäten im Zentrum betreut?
In unserem Zentrum arbeitet eine fest angestellte Übungsleiterin, die jetzt schon 70 Jahre alt ist und unsere Patienten mit großer Begeisterung betreut. Unterstützt wird sie von einer Honorarkraft. Wir wünschen uns noch eine weitere Kraft, um möglichst bei jeder Dialysesitzung Sport anbieten zu können. Aktuell können unsere Patienten bei zwei von drei Sitzungen Sport treiben.

Treiben auch Ihre Heimdialysepatienten Sport? Welche Sportarten empfehlen Sie Ihren Patienten?
Wir empfehlen auch unseren Heimdialysepatienten, Sport zu treiben. Das sind auch meist aktivere Patienten, die z. B. Fahrrad fahren oder tanzen. Wir ermuntern sie dazu, z. B. mit Broschüren, und sprechen sie regelmäßig darauf an. Als Sportart ist Radfahren ideal. Auch Krafttraining ist in Ordnung.
Schwieriger wird es bei Mannschaftssportarten, da dabei unkontrollierte Bewegungen möglich sind, z. B. wenn man angerempelt wird.

Welche Rückmeldung erhalten Sie von den Patienten, die an Ihrem Sportprogramm teilnehmen? Wirkt sich die Bewegung auf das Wohlbefinden aus?
Ja, die Stimmung im ganzen Dialysezentrum wird davongetragen. Wenn Sie in Dialysezentren ohne Sportprogramm kommen, liegen die Patienten da und lesen, gucken fern oder schlafen. Da ist es ruhig bis traurig. Wenn sie aber Sport machen, dann ist da Bewegung drin. Es wird gelacht, um die
Wette gefahren und gescherzt. Die Dialyse wird eher zur Nebensache. Die Patienten gelangen wieder in eine Situation, in der sie sagen: „Ich kann noch was machen. Ich bin nicht mehr nur deprimiert aufgrund meiner Nierenerkrankung, mit der es nur abwärts geht.“

Nun bietet ja nicht jedes Dialysezentrum Sportprogramme an. Was können Sie Patienten raten, deren Zentrum kein Bewegungsprogramm anbietet?
Vor einigen Wochen habe ich bei Dialyse-online geschaut (www.dialyse-online.de, Anm. der Redaktion): Von etwa 1200 Zentren gaben dort mehr als 300 an, Sport an der Dialyse anzubieten. Wenn man nachfragt, betreibt dies aber nur ein Bruchteil in größerem Maß. Die Patienten kann ich nur dazu ermuntern nachzufragen und entsprechende Angebote einzufordern. Allerdings ist es für ein Dialysezentrum nicht so einfach, ein Sportprogramm auf die Beine zu stellen. Man braucht Trainer mit nachgewiesener Qualifikation und einen Verein als Träger. Hinzu kommt, dass das, was die Krankenkassen zahlen, nicht kostendeckend ist. Ein Sportprogramm kostet das Dialysezentrum also viel Geld und Engagement. Es kommt aber ganz viel davon zurück – von zufriedenen, glücklichen
Patienten, die auch gesünder sind. Es gibt da ein großes Potenzial, wenn Politik und Krankenkassen
bereit wären, mehr in die Waagschale zu werfen. Auch der Bundesverband Niere e.V. als Patientenverband könnte diesbezüglich viel erreichen. Ich glaube, die Patienten unterschätzen ihre Möglichkeiten und könnten über den Verband viel erreichen.

Kommentar einer Sporttherapeutin: „Die Schilderung verzerrt etwas das Bild. Es gibt auch viele junge Leute, die ganz aktiv und engagiert Sport an der Dialyse machen.
Mit dem Ergometer treten diese Patienten im Liegen bis zu einer Stunde 60 Watt.“