Ungeplanter Dialysebeginn – Was tun?

Etwa zwei Drittel der Betroffenen wissen nichts von ihrer Nierenerkrankung. Für viele kommt die Notwendigkeit einer Nierenersatztherapie deshalb überraschend. Nierenerkrankungen entwickeln sich oft schleichend und erste Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit oder Nasenbluten deuten nicht zwingend auf eine Nierenerkrankung hin. Unverhofft kommt leider oft – doch auch ein ungeplanter Dialysestart schließt Therapiealternativen keineswegs aus.

Kommt die Nierenersatztherapie für den Patienten unerwartet, ist die Erkrankung möglicherweise schon weit fortgeschritten und es kann häufiger zu Komplikationen kommen. Dem Patienten fehlt dann Zeit, sich auf die Situation einzustellen, eine ausführliche Beratung zu den unterschiedlichen Therapieverfahren bleibt meist auf der Strecke – im Vordergrund steht zunächst eine zeitnahe Dialysebehandlung. Damit muss aber keine endgültige Entscheidung über das Dialyseverfahren gefallen sein: Sobald es dem Patienten besser geht, kann er über Alternativen informiert werden und somit die Möglichkeit bekommen, das für ihn optimale Verfahren auszuwählen.

Bei einem ungeplanten Dialysestart beginnen die meisten Patienten über einen zentralen Zugang (Anlage eines Katheters in ein großes Blutgefäß) mit der Hämodialyse (HD) und häufig wird diese Therapie anschließend beibehalten. Der Katheter verbleibt in der Blutbahn, bis mit einem operativen Eingriff ein so genannter Shunt – meist eine Verbindung von Vene und Arterie am Unterarm – angelegt werden kann. Viele Patienten behalten den zentralen Zugang auch länger, wenn eine Shuntanlage nicht möglich ist. Dieser birgt aber eine deutlich erhöhte Gefahr von Infektionen und Blutvergiftungen im Verhältnis zu dem Shunt. Eine Alternative für den ungeplanten Dialysestart mit der HD stellt die Peritonealdialyse (PD, Bauchfelldialyse) dar: Mit einem kleinen Eingriff wird ein Peritonealdialyse-Katheter im Bauchraum platziert.  In der Regel kann anschließend sofort mit der PD begonnen werden. Die PD eignet sich gut als Heimdialyseverfahren und bietet größere Freiheiten in Bezug auf Ernährung, Trinkmenge, Beruf und Freizeit.

Vorbeugung auf Patientenseite

Der Patient kann dazu beitragen, einen ungeplanten Dialysestart zu verhindern, indem er auf Warnsignale achtet, wie:

  • Kopfschmerzen, Schwindel
  • Reduzierte Leistungsfähigkeit, Müdigkeit, Schwäche
  • Unwohlsein, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Erbrechen
  • Juckreiz
  • Steigender Blutdruck
  • Wassereinlagerungen (Anschwellen der Beine oder des Gesichts, rasche Gewichtszunahme)

Auch wenn die Urinausscheidung scheinbar normal ist, können die oben genannten Symptome Anzeichen einer fortgeschrittenen Nierenerkrankung sein. Treten gehäuft entsprechende Warnsignale auf, sollte ein Arzt aufgesucht und die Ursache abgeklärt werden. Eine Untersuchung von Blut und Urin sorgt schnell für Klarheit. Im Fall einer Nierenerkrankung erhöht der rechtzeitige Besuch beim Nephrologen (Nierenfacharzt) die Chance, frühzeitig das für den Patienten beste Dialyseverfahren zu finden.

Auch Peritonealdialyse ist sofort möglich

Kommt es dennoch zu einem sofortigen Dialysestart, wird zwar häufiger die Hämodialyse eingesetzt. Doch auch die Peritonealdialyse kann bei einem ungeplanten Start angewendet werden. So traten im Rahmen einer Untersuchung von 30 Patienten, die akut mit der PD begannen, nicht häufiger Komplikationen auf als bei Patienten mit geplantem Dialysebeginn.1
Die 30 Patienten machten zudem offenbar überwiegend positive Erfahrungen: Keiner wollte später zur HD wechseln.

Ein späterer Wechsel ist möglich

Die Auswahl des Dialyseverfahrens hat große Auswirkungen auf das alltägliche Leben. Daher ist es wichtig, die Vor- und Nachteile der verschiedenen Nierenersatzverfahren gründlich zu beleuchten. Auch bereits getroffene Entscheidungen können noch überdacht und verändert werden! Zahlreiche Patienten nutzen diese Möglichkeit und wechseln aus medizinischen oder persönlichen Gründen ihr Therapieverfahren.

Argumente für die PD

  • Zuhause bin ich gut versorgt – meine Therapie kann ich dort durchführen.
  • Weiter möglichst ohne Einschränkungen zu essen und zu trinken ist mir sehr wichtig.
  • Um meine Freizeit möglichst frei zu gestalten, möchte ich meine Therapie selbst planen können.
  • Ich bin berufstätig und benötige eine flexible Therapie.
  • Im Urlaub möchte ich unabhängig von festen Zeiten im Dialysezentrum sein.

Argumente für die HD

  • Ich fahre lieber 3-mal pro Woche in ein Dialysezentrum und nutze die Betreuung dort.
  • Mit Einschränkungen meiner Ernährung und Trinkmenge kann ich gut umgehen.
  • Ich konzentriere meine Behandlung auf 3 Tage pro Woche und bin an 4 Tagen unabhängig.
  • Ich arbeite in Teilzeit und kann meinen Beruf neben der Therapie im Dialysezentrum ausüben.
  • Urlaubsreisen plane ich rechtzeitig in Regionen mit Dialysezentrum.

 

1 Koch M, Kohnle M. Welches Dialyseverfahren ist das geeignete? Der ungeplante Dialysebeginn mit
der Peritonealdialyse. Dial akt 12 (6): 354–359, 2008